Einleitung
Geld regiert die Welt, und das Web ist ein Teil dieser Welt. Aber viele Webseiten gehen meiner Meinung nach zu weit: Sie behandeln ihre Besucher in erster Linie wie einen Rohstoff. In diesem Artikel stelle ich meine Wunschliste vor, wie Webseiten mehr Respekt zeigen können.
Autor: David Heiko Kolf, 24.11.2025. (Englische Fassung vom 24.06.2025)
Respektiere meine Privatsphäre
Die meisten Webseiten überwachen ihre Nutzer und helfen Datenanbietern dabei, riesige Datenhalden über unser Verhalten und unsere Interessen anzulegen. Diese Daten werden in der Regel dann dazu eingesetzt, um uns zu neuen Verhaltensweisen zu lenken (ob kommerziell oder politisch), zu denen wir sonst vielleicht nicht gekommen wären. Viele Menschen haben mir zwar schon entgegnet, dass sie auf gar keinen Fall beeinflussbar wären und es höchstens irgendwelche anderen betrifft — aber auch wenn nur diese "anderen" sich anders verhalten, betrifft es uns oft auch negativ. Und was mich selbst angeht, habe ich definitiv schon bemerkt, wie sich meine Stimmung und meine Einstellungen durch das gelesene gefärbt haben und wie mir bestimmte Marken vertrauter wirkten. Und das sind noch die eher harmlosen Dinge, für die solche Daten verwendet werden können — je nach Regierung oder auch Rating-Agentur lassen sich deutlich heftigere Maßnahmen umsetzen.
Eine der zuverlässigsten Technologien, um Nutzer zu beobachten, sind die sogenannten Cookies: kleine Erkennungszeichen, die auf unseren Rechnern gespeichert werden und die jedes Mal, wenn wir eine Webseite aufrufen, von den Browsern mitgesendet werden. Cookies sind notwendig, wenn wir uns bei Webseiten anmelden wollen: Der Browser muss die Webseite daran erinnern, dass wir es sind, die nun die nächste Seite öffnen wollen. Sie sind ebenfalls notwendig, wenn wir irgendwelche Einstellungen auf der Webseite geändert haben. Aber wenn wir keinen Benutzernamen eingeben mussten und auch keine Einstellung geändert haben, gibt es keinen guten Grund, dass irgendein Cookie gespeichert wird.
Besonders ärgert es mich, wenn irgendwelche "Zustimmungsdialoge" mir dann etwas davon erzählen, wie sehr sie doch meine Privatsphäre schätzen. Wer wirklich meine Privatsphäre schätzt, der würde mich gar nicht überwachen! Der Widerspruch macht es nur noch schlimmer. Weiterhin stört es mich, wenn mir diese Dialoge erzählen, dass einige der Cookies "technisch notwendig" wären und ich sie gar nicht oder nur mit viel Aufwand abwählen darf. Wie oben geschrieben, ist das einfach nicht wahr: solange ich mich nicht ausdrücklich einlogge oder irgendwelche Einstellungen ändere, gibt es keine technisch notwendigen Cookies.
Respektiere mein Datenvolumen
Ich habe schon öfters die Aussage gehört, dass Webseiten heutzutage gar nicht mehr auf sparsame Datenmengen optimiert werden sollten, da mittlerweile jeder relevante Nutzer eine unbegrenzte, schnelle Verbindung hat. Bei vielen Webseiten beobachte ich auch einen dementsprechenden Umfang.
Mobiltarife mit begrenztem Volumen werden aber immer noch verkauft. Beim Reisen können in Folge von Roaming sehr hohe Zusatzgebühren selbst für kleine Datenmengen berechnet werden. Und oft ist halt doch der Empfang schlecht. Verschwenderische Webseiten respektieren all diejenigen nicht, die auf solche Verbindungen angewiesen sind.
Respektiere meinen Akku
Moderne Webbrowser sind gute Umgebungen, um mächtige Programme laufen zu lassen. Die meisten Webseiten zeigen aber lediglich statische Inhalte an. Dafür gibt es bereits ein ideales Programm: den Webbrowser selber.
Wenn eine Webseite zu viele Ressourcen für die eigenen Programme benötigt, entleert das den Akku von mobilen Geräten deutlich schneller. Es kann auch Nutzern von älteren Geräten das Gefühl vermitteln, dass das Gerät immer langsamer wird, obwohl lediglich die Webseiten immer mehr Rechenleistung für Aufgaben verschwenden, die sich im Prinzip kaum geändert haben (wie zum Beispiel das Darstellen einer Nachrichten- oder Blogseite). Auf diese Weise tragen ineffiziente Webseiten auch zu weiterer Ressourcenvergeudung bei, wenn Nutzer eigentlich noch funktionsfähige Geräte in den Müll geben.
Manche Webseiten gehen sogar so weit, dass sie anfangs gar keinen Text enthalten und dieser Text erst mit einem speziellen Programm schrittweise geladen wird. Dies führt sehr oft zu einer sehr schlechten Performance.
Zum Zeitpunkt von diesem Artikel ist für mich YouTube ein deutliches Beispiel solch einer ungünstig gebauten Webseite, bei der es mir oft so vorkommt, als ob die einfachen Kommentare mehr Rechenleistung brauchen als das Video selber. Wenn ich mal einen alten Computer verwende, muss ich teilweise von Hand die Adresse bearbeiten, um das Video im "eingebetteten Modus" zu sehen — der Rechner ist problemlos in der Lage, ein Video zu dekodieren, bekommt aber Schwierigkeiten damit, was die Leute bei Google um das Video drumherum gebastelt haben.
Respektiere meine Aufmerksamkeit
Es fällt mir sehr schwer, einen Text zu lesen und zu verstehen, wenn daneben eine Animation läuft. Diese Animationen sind oft auch ungünstig was das Datenvolumen, die Akkulaufzeit und die Performance der Webseite betrifft.
Wenn ich eine Webseite aufrufe, dann möchte den Inhalt lesen. Alles, was diesen Inhalt verdeckt, ist ein Ärgernis:
- Möchte ich einer Überwachung/Profilbildung zustimmen? Natürlich nicht!
- Möchte ich mich bei einer Mailingliste anmelden? Nein! — Lieber wäre mir ein Eingabefeld am Ende von dem Inhalt, den ich jetzt lesen möchte.
- Möchte ich mich mit meinem Google-Account anmelden? Nein! — Wenn ich mich anmelden wollte, dann würde ich dafür einen Verweis anklicken.
- Möchte ich irgendwelche Benachrichtigungen erlauben? Nein! — Wie bei der Mailingliste darf es gerne am Ende der Seite die Möglichkeit dazu geben.
- Möchte ich an einer Umfrage teilnehmen, wie gut mir die Webseite gefallen hat? Ich konnte die Webseite bis jetzt noch gar nicht lesen, wie gut glauben die Entwickler eigentlich, hat mir das gefallen?!
Ein weiteres Ärgernis sind automatische, maschinelle Übersetzungen (sehr bekannt z.B. von YouTube und Microsofts technischen Dokumentationen). Sie sind teils in kaum wahrnehmbarer Weise falsch. Dies vergeudet meine Zeit, bis ich merke, was überhaupt los ist. Und dann muss ich erst einmal suchen, wie ich wieder an den Originaltext komme. Wenn es eine Webseite nur in Sprachen gibt, die ich nicht verstehe, dann kann ich mich selber darum kümmern, wie ich sie übersetzt bekomme. Die Webseite darf mir gerne eine Option anbieten, die ich selber anschalten kann.
Und dann wäre noch das Layout zu erwähnen: Als ich in den späten 1990ern die Grundlagen gelernt habe, wie man Webseiten baut, war eine Grundregel, dass das Layout einer Seite so schnell wie möglich feststehen soll, so dass die Besucher schon den Text lesen können, während Bilder immer noch laden. Viele moderne Webseiten halten sich aber nicht an diese Grundregel. Dies unterbricht meinen Lesefluss oder kann dazu führen, dass ich den falschen Verweis anklicke, weil das Layout sich plötzlich geändert hat. Ich befürchte, dass das manchmal sogar Absicht ist, aber damit würde die Webseite nicht nur mich, sondern auch den Werbetreibenden betrügen, da ich ja wahrscheinlich kaum Interesse und Aufmerksamkeit für diesen versehentlichen Seitenbesuch habe.
Nostalgie hat keine Zukunft
Im vorherigen Abschnitt habe ich die 1990er erwähnt. Von manch anderen, die ebenfalls die in diesem Text geschilderten Probleme mit modernen Webseiten sehen, habe ich die Meinung gelesen, dass die Vergangenheit besser war, und wir versuchen sollten, zu dieser guten alten Zeit zurückzukehren. Wieder andere sind der Ansicht, dass der Inhalt alleine zählt und die Webseite ohne jede Verzierung und Formatierung bleiben sollte.
Mir geht das aber zu weit. Einige Dinge haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert und auch damals gab es schon furchtbare und schädliche Webseiten. Unformatierter Text oder völlig veraltet wirkende Webseiten können sowohl bei Anwendern als auch Designern den Eindruck erwecken, dass all die negativen Dinge ein notwendiges Übel sind, wenn eine Webseite halbwegs vorzeigbar aussehen soll.
CSS (Cascading Style Sheets) sind ein Verfahren, das die Qualität einer Webseite deutlich verbessern kann, verglichen mit dem, was in den 90ern möglich war. Ich sehe auch bestimmte CSS-Elemente als unbedingt notwendig an.
Der wohldosierte Einsatz von JavaScript kann eine Webseite auch verbessern. Ich habe bei meinen Bildergallerien zum Beispiel beobachtet, dass viele Anwender übliche Wisch-Gesten zur Navigation erwarten. Diese habe ich daraufhin mit einem kleinen Script ermöglicht. Eine Webseite, deren Inhalt sich häufig ändert, kann JavaScript (AJAX) verwenden, so dass nicht ständig die ganze Seite neugeladen werden muss. Alle Scripte sollten allerdings von der eigentlichen Domain der Webseite stammen, um Sicherheits- und Privatsphärenprobleme zu verringern.
Für mich ist Lobste.rs ein gutes Beispiel dafür, wie eine effiziente, moderne Webseite aussehen kann — dies ist eine Link-Sammlung zu Programmierthemen und ich beziehe mich auf den Stand im Jahr 2025 (wobei ich hoffe, dass die Seite auch in Zukunft ein gutes Beispiel bleibt). Es verwendet keinerlei JavaScript (soweit ich es aus der reinen Besucherperspektive einschätzen kann) und vergeudet auch keinerlei Datenvolumen. Leider werden Sitzungs-Cookies gesetzt, wenn man sich die Kommentare ansieht, aber ansonsten ist dies für mich ein gutes Vorbild, was mit wenigen Ressourcen und geschicktem CSS erreichbar ist.
Kommerz gehört dazu
Gerade in nostalgischen Zusammenhängen habe ich manchmal die Ansicht gelesen, dass jeglicher Kommerz das Internet verschlechtert hat. Es gibt aber verschiedene Ausprägungen des Kommerz und am Ende brauchen wir alle Geld zum Leben.
Wenn ein Hersteller seine Produkte im Internet beschreibt und dokumentiert, dann ist das für mich etwas sehr nützliches. Es wäre ein Verlust, wenn es solche Internetseiten nicht geben würde.
Es stößt mir aber sehr übel auf, wenn ich das Produkt bin. Es gibt viele Webseiten, die Inhalt ohne Substanz produzieren, nur um von Suchmaschinen vorgeschlagen zu werden und meine versehentlichen Aufrufe dann an Datensammler und Werbetreibende zu verkaufen. Das Internet wäre in der Tat ein besserer Raum, wenn es diese Seiten überhaupt nicht geben würde.
Hochwertiger Inhalt muss natürlich finanziert werden und da ist Werbung ein klassisches Mittel. Dagegen habe ich auch nichts einzuwenden, solange sie nicht animiert ist. Ich wünschte mir nur, dass es mehr Werbenetzwerke gibt, die nicht auf individuelle Benutzerprofile setzen. Mehr als ein Jahrhundert lang wurde Werbung in Zeitschriften neben dem Inhalt geschaltet, der auch von der Zielgruppe wahrscheinlich gelesen wurde. In den letzten Jahrzehnten hieß es dann aber plötzlich, dass nur noch individualisierte Werbung funktioniert. Ich habe den Eindruck, dass sich die Onlinezeitungsanbieter damit einen massiven Schaden zugefügt haben: Die Datensammler können über das Leseverhalten auf den Zeitungen ein Profil anlegen, dass dann später auch auf ganz anderen Seiten genutzt wird, um gezielte Werbung zu schalten.
Ich hätte gerne ein Verzeichnis
Es gibt bereits Anstrengungen, mehr Aufmerksamkeit auf effiziente Webseiten zu lenken:
- Marginalia Search, eine Suchmaschine
- Wiby, eine Suchmaschine für das "klassische Web"
Für mich wäre zusätzlich aber noch ein Verzeichnis interessant, mit dem ich einfach in "respektvollen Webseiten" stöbern kann. Ich mache mir nur Sorgen, dass der Betrieb eines solchen Verzeichnisses recht aufwendig werden kann (Bewerben, Moderieren des Inhalts und rechtliche Fragen).
Zusammenfassung
Zusammengefasst ist folgendes meine Checkliste, ob sich eine Seite respektvoll verhält:
- Für das reine Lesen im Besuchermodus wird kein Nutzerprofil angelegt.
- Alle Scripte werden von der selben Domain geladen.
- Die Seite verwendet nur so viel Datenvolumen, wie es für den Inhalt notwendig ist.
- Die Seite verwendet nur so viele Scripte, wie sie für die Kernfunktionalität unbedingt erforderlich sind.
- Die HTML-Datei aus dem ersten Aufruf enthält bereits allen Text, der zu dem Zeitpunkt schon verfügbar ist.
- Jegliche Animation bleibt inaktiv, bis der Nutzer sie explizit startet.
- Die Seite verwendet keinerlei Pop-Ups.
- Die Seite zeigt mir standardmäßig keine maschinellen Übersetzungen an.
- Das Layout bleibt so schnell wie möglich stabil.
- Der Inhalt lohnt sich zu lesen.
- Und idealerweise bemüht sich der Autor auch noch um ein optisch ansprechendes Design.
Weiteres zum Thema
Die folgenden Seiten sind alle auf Englisch:
- Terence Eden: The unreasonable effectiveness of simple HTML (2021) — a must–read for any website developer in my opinion
- Ben Hoyt: The small web is beautiful (2021)
- Maciej Cegłowski: The Website Obesity Crisis (2015)
- Dan Luu: How web bloat impacts users with slow connections (2017)
- Dan Luu: How web bloat impacts users with slow devices (2024)
- Adële: smolweb
- Mozilla: Ad-Targeting Guidelines